Freitag, 7. Dezember 2012

Dunkles, dummes Mittelalter?

Mir fällt immer wieder auf, dass sogar Katholiken das Narrativ vom angeblich "dunklen Mittelalter" übernommen haben und unhinterfragt wiederholen.
Wer nur ein wenig Kirchengeschichte oder Heiligenlegenden studiert hat, weiß, dass das Mittelalter alles andere als dunkel war, dass man ganz im Gegenteil sich überglücklich schätzen müsste, wenn wir nur einen der großen Heiligen, die Gott dieser Zeitperiode geschenkt hat, in unseren tatsächlich dunklen Zeiten in diesem Jammertal unter uns haben dürften. 

Wenn man nur an die großen heiligen Frauen von Helfta, die allesamt Mystikerinnen und große Herz-Jesu-Verehrerinnen waren, betrachtet, kann man vor Ehrfurcht nur staunen. Eine von ihnen, die hl. Gertrud von Helfta, bezeichnet die angeblich so frauenfeindliche katholische Kirche sogar mit dem generell auch für heilige Männer sehr selten verwendeten Ehrentitel "Groß", als "die Große". 

Ich war erstaunt, zu lesen, wie früh die Feinde der katholischen Kirche schon das Mittelalter als "dunkel" hinstellen wollten:


"Das Mittelalter mit seinen mystischen Elementen wird stets von den Gegnern der Kirche angefeindet, und von der antichristlichen Philosophie mit Hohn und Spott überhäuft. 
Da man nicht immer ungescheut die Lehren und Institutionen der Kirche anzugreifen wagt, so haben die Feinde die Taktik erfunden, diese Periode der Geschichte zu verleumden und als eine Zeit der Dummheit und des Aberglaubens zu verschreien. Was sie wollten, haben sie größtenteils erreicht. 
Der organische Zusammenhang mit den früheren Jahrhunderten wurde zerrissen, und damit das Verständnis der Lehre und Einrichtungen, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelte, abgeschnitten. Am meisten litt der katholische Kultus; denn da er, losgerissen von den früheren Entwicklungsperioden gar nicht verstanden werden kann, und daher für unsere so gepriesene Aufklärungszeit ohne allen Sinn und Bedeutung bleiben musste, so war es sehr leicht, den ganzen Kultus ins Lächerliche zu ziehen und der Verachtung preiszugeben. 
Es darf also nicht mehr Wunder nehmen, wenn selbst dem katholischen Volke das Verständnis und die Bedeutung des Kultus größtenteils abhandengekommen und es nur gleichsam instinktmäßig daran hält. (...)"
Aus: Die Schönheiten des katholischen Kultus von Abbé M. X. Raffray, mit bischöflicher Approbation, 1852. online ganz zu lesen hier 


1 Kommentar:

jos.m.betle hat gesagt…

das ist ja wieder sehr interessant. Danke.
Vielleicht darf ich an dieser Stelle auf das folgende Buch, das zwar neu ist aber profund, hinweisen: Thomas E. Woods, Sternstunden statt dunkles Mittelalter, Die katholische Kirche und der Aufbau der abendländischen Zivilisation, MM-Verlag, 2011. (vgl. http://shop.sarto-verlag.de/product_info.php?info=p565_Thomas-E--Woods--Sternstunden-statt-dunkles-Mittelalter.html)

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