Sonntag, 11. November 2012

Sie war „ganz katholisch“


Ich habe eine 81jährige Freundin, 30 Jahre älter als ich, die ich über meinen früheren Beruf kennen gelernt habe. Die Gute ist eigentlich Agnostikerin , aber pro forma noch Protestantin, hatte aber auch Katholiken in der Familie. 
Wir sind über den Glauben schon mehrere Male so in Streit geraten, dass Funkstille war. Sie ist wirklich ganz reizend und sehr hilfsbereit, aber sie gehört leider zu den Leuten, die alles vom katholischen Glauben "wissen", obwohl sie keine Ahnung haben,  weil sie noch nie ein katholisches Buch gelesen haben und auch nicht lesen wollen.
Wenn sie Streit mit Leuten hat, ist sie nach einigen Monaten überhaupt nicht mehr nachtragend und so war es auch mit mir. Beim letzten Mal kam sie nach einigen Monaten wieder an mit den Worten: „Ich weiß ja, dass Du es eigentlich nur gut meinst.“

Gott sei Dank, dass das so angekommen ist! Mittlerweile haben wir einen Modus gefunden, wie wir kritische Themen umgehen können, ohne in nutzlosen Streit zu geraten, sie weiß ohnehin, wie ich über alles denke.

Letzte Woche hat sie mir freundlicherweise erneut beim Aufräumen meines Büros geholfen und da hatten wir folgende Unterhaltung:

Sie: „Meine Großmutter war sehr ordentlich im Haushalt und im Garten und eben in allem ganz katholisch. Nur gewaschen hat sie nicht, die Wäsche hat sie ganz weggeben.“
Ich: „ Ah ja, das ist bewundernswert, und wenn sie alles so ordentlich gemacht hat, hatte sie sicher keine Zeit mehr für die Wäsche.“
Sie: „ Mein Großvater hatte schon 1946 eine Freundin und da hat sie nicht mehr mit ihm gesprochen und auch nicht mehr seine Wäsche gemacht, sondern nur noch für ihn gekocht.“
Ich: „!?“ (Anmerkung: ich habe vor lauter Schreck leider vergessen, zu fragen, ob der Großvater auch "ganz katholisch" war.)
Sie: „Ja, sie war eben rachsüchtig.“
Ich: !!! „Das war aber nicht katholisch.“
Sie: Kurzes nachdenkliches Schweigen. „ Und sie ist auch Sonntags nie in die Kirche gegangen. Aber sie hat die ganze Zeit zu Hause gebetet.“
Ich: „Das ist aber auch nicht katholisch! Was war denn jetzt an ihr katholisch?“
Sie: „Ja wir haben uns auch immer gewundert, aber nie gefragt, warum sie nie in die Kirche geht. Sie hat sich wahrscheinlich so sündhaft gefühlt."
Ich: „Aber dann hätte sie ja gerade in die Kirche und zum Beichten gehen müssen."
Sie: Aber sie hat immer nur gebetet, und immer gebetet, dass sie nie leiden muss und ohne Leiden stirbt und so war es dann auch.
Ich: innerlich o je o je! „Hoffentlich hat sie dann vorher noch beichten können.“ 
(Für Nicht-Katholiken: Wer Sonntags und an gebotenen Feiertagen nur ein einziges Mal freiwillig ohne ausreichenden Grund die hl. Messe versäumt ist schon allein dadurch im Stand der schweren Sünde, weil er das Sonntagsgebot verletzt hat.)

Was kann man als Katholik aus dieser Unterhaltung lernen?

Das, was in allen alten Büchern steht: die allermeisten Nicht-Katholiken gucken auf das Verhalten und schließen meist allein daraus, was ein Katholik ist. Beispiele wirken hier mehr als tausende Erklärungen. Daher sollte sich jeder Katholik ständig bewusst sein, dass er ständig - modern gesagt - Öffentlichkeitsarbeit für Christus und seine Kirche macht.

Obwohl meine Freundin sonst sehr verstockt ist, hat sie sich vor etwa vier Jahren auf meinen Vorschlag hin darauf eingelassen, zumindest ein tägliches Ave Maria zu beten. Dadurch hat sie auch ihre alten Kindergebete wieder herausgeholt, die sie seit Jahrzehnten unterlassen hatte und betet sie seitdem täglich abends und dankt dem lieben Gott immer, dass es ihr noch so gut geht! 

Als Kind war sie kurze Zeit auf einer katholischen Schule und fand das morgendliche Lied “Meerstern ich dich grüße" so schön, dass sie damals am liebsten katholisch geworden wäre.  
Im Moment ist sie jedoch weit davon entfernt. Es hapert bei ihr immer noch daran, dass sie nicht glauben kann, dass Christus Gott ist. Ich bete und hoffe, dass die allerseligste Jungfrau ihr die Gnade erwirkt, vor ihrem Tode das noch glauben zu können, denn ich habe viele trostvolle Geschichten darüber gelesen, was ein tägliches Ave Maria, auch sogar mehr oder weniger ohne Glauben gesprochen, alles bewirken kann.

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